LOAD „AGAIN“,8,1

am

Die Infektion

Ein Tag Ende September 2017. Ich öffnete meinen RSS-Reader und hätte man mich dabei beobachtet, hätten die Schockstarre und die weit aufgerissenen Augen darauf hingedeutet, dass etwas nicht stimmt. Und ich schwöre, wer aufmerksam hingehört hat dem dürfte der Herzfrequenz-Alarm meiner Smartwatch aufgefallen sein.

Der C64, der Klassiker unter den Heimcomputern (ja so hießen die damals) schlechthin, soll als Mini-Version neu in den Handel kommen. Inklusive 64 vorinstallierten Lizenzspielen und HDMI Anschluss für moderne TV-Geräte. Ebenfalls mitgeliefert wurde ein Joystick, den Kenner sofort als Nachbau des legendären Competition Pro erkannten. Dass die Tastatur nur eine Attrappe war konnte man angesichts der hinzugefügten USB-Anschlüsse verschmerzen.

c64mini
C64 Mini

Ich war sofort angefixt, checkte ob man das Gerät schon irgendwo vorbestellen konnte (was nicht der Fall war) und wartete auf den Erscheinungstag. Ich freute mich auf Spieleklassiker wie Speedball II, Uridium, California Games, Impossible Mission und natürlich den Joystick-Killer Winter Games. Ja, ein einseitig trainierter Unterarm konnte in meiner Jungend mehrere Gründe haben. Dass mit The Last Ninja eines meiner Lieblingsspiele fehlte war zu verschmerzen.

Und dann vergaß ich das ganze wieder…

Ja das kann passieren. Wenn man weiß, dass der C64 mein erster eigener Computer war (der erste in einer langen Reihe aber das wird eine andere Geschichte) versteht man sicher die eine oder andere Vergesslichkeit bei mir. Zum Glück sah ich fast genau 1 Jahr später in meinem Twitter-Feed, wie jemand mit seiner neu-aufgelegten Super Nintendo Konsole spielte. Sofort erinnerte ich mich an den C64 Mini. Inzwischen war das Gerät erhältlich und scheinbar auch nicht von Lieferengpässen geplagt wie das NES classic mini.

Ich las ein paar Testberichte und sofort machte sich Ernüchterung breit. Kunden hinterließen reihenweise schlechte bis mittelmäßige Bewertungen. Das Hauptproblem stellte wohl der Joystick dar. Zu unpräzise sollte er sein und vor allem nur mit Verzögerung ansprechen. Das hörte sich so gar nicht nach meinem heißgeliebten Competition Pro an. Offensichtlich setzte man bei diesem Nachbau lediglich auf die Optik. Es half alles nichts. Da der 64er Virus sich bereits in mir ausgebreitet hatte und ein kalter Entzug einfach nicht in Frage kam musste eben das Original her.

Die Jagd

Wo geht man hin, wenn man etwas kaufen will, was nicht mehr erhältlich ist? Klar, eBay und deren Kleinanzeigen-Dienst. Einfach mal „Commodore C64“ eingetippt und erwartet, dass mir hunderte Anzeigen entgegen springen. Tatsächlich war das Angebot aber eher überschaubar. Woran konnte das liegen? Habe ich angesichts der Millionen (irgendwas zwischen 12,5 und 30 Millionen) verkauften C64 evtl. etwas zu viel erwartet? Oder waren die 24 Jahre seit der Einstellung der Produktion dann doch zu lange um genug Geräte überleben zu lassen? Ich bevorzuge ja die Theorie, dass viele Besitzer sich einfach nicht von ihren geliebten Brotkästen trennen wollen.

Apropos Brotkasten. Die alte Form des C64, die ihm seinen Spitznamen gab ist tatsächlich noch etwas schwerer zu einem vernünftigen Preis zu finden. Und dabei sollte es ja nicht bleiben. Man benötigt noch einen Joystick. Der oben erwähnte Competition Pro sollte es sein oder mindesten ein Quickshot II. Dann eine Datasette (ja es gab damals Spiele auf Musikkassetten, aber wie erkläre ich jetzt was eine Musikkassette ist?) und ein Diskettenlaufwerk. Wer sich nicht mehr an die guten alten 5,25 Floppy Disks erinnert, das sind die großen labbrigen Dinger, die man lochen konnte um auch die Rückseite zu beschreiben. Tatsächlich erwies sich dann der C64 selbst inklusive VC1541-Diskettenlaufwerk als einfachste Aufgabe. Nach 2 Wochen hatte ich ein passendes Angebot zur Abholung gefunden. Alles in der alten Form. Dabei war es egal, dass das erste 1541 Laufwerk einfach richtig langsam war. Hier zählten Nostalgie und Optik.

img_5072

Was fehlte war das Videokabel. Und das war gar nicht mal so einfach zu finden, solange ich nicht wusste wonach ich suchen musste. Ein Kabel, welches ich bei Amazon bestellt hatte erwies sich als falsch. Man sollte den dortigen Produktbeschreibungen wohl nicht immer trauen. Solltet Ihr mal vor dem gleichen Problem stehen. Bei retro-kabel.de kann euch geholfen werden. So konnte die Kiste wenigstens am modernen Flachbildfernseher angeschlossen werden. Für das richtige Retro-Feeling muss hier aber wohl noch ein Röhrenfernseher her. Oder noch besser ein original C-1084 Monitor. Denn man mag es kaum glauben aber die Grafik sieht dort tatsächlich besser aus. Das liegt wohl irgendwo an der Wandlung von analogem Videosignal in ein digitales Pendant.

Da war doch noch was…

Dann war es soweit. Alle Kabel waren angeschlossen und der Schalter an der Seite wurde umgelegt. Innerhalb von Sekunden leuchtete mir der vertraute Blaue Bildschirm entgegen.

**** COMMODORE 64 BASIC V2 ****

64K RAM SYSTEM 38911 BASIC BYTES FREE

READY

Das blinkende weiße Quadrat darunter erinnerte mich an etwas, dass ich während meiner Suche nach einem passenden Gerät dummerweise ignoriert habe. Ich brauche natürlich noch Software in Form von Spielen. Natürlich gab es für den kleinen Commodore auch auch ernsthafte Anwendungen. Vom Grafikprogramm bis hin zum Büropaket wie Vizastar wurde damals alles für den professionellen Nutzer angeboten. Es gab mit GEOS sogar eine MacOS-ähnliche Benutzeroberfläche. Nur zu gerne hatte man mit solcher Software den Eltern die Anschaffung eines Computers schmackhaft gemacht. Schließlich musste man doch bereit sein, wenn man einmal in die moderne Arbeitswelt entlassen wird, in der „jemand ohne Computerkentnisse allenfalls noch als Pförtner eingestellt wird“. Aber wenn man ehrlich ist war der C64 vor allem für eines gut. SPIELE, SPIELE und nochmals SPIELE!

Als erste Anlaufstelle bot sich natürlich wieder Ebay-Kleinanzeigen an. Doch das Ergebnis war eher ernüchternd. Entweder fand man uralte Gurken, die schon zum Zeitpunkt ihres Erscheinens niemanden wirklich interessierten oder teure Raritäten. Für ein mittelgut erhaltene Ausgabe von Doctor Who and the Mines of Terror muss man schon 250 Euro oder mehr auf den Tisch legen. Außerdem schränkte das Fehlen einer Datasette das Angebot für mich noch weiter ein. Es ist durchaus etwas ungewohnt, dass man nicht einfach wie heute im Netz ein Spiel downloaden kann. Irgendwann wurde ich doch fündig und konnte für einen günstigen Preis ein Paket aus 4 Spielen (Hard ’n‘ Heavy, Grand Monster Slam, Circus Attractions und Spherical) ergattern. An drei der Spiele konnte ich mich zumindest vom Namen her erinnern.

img_5275

Da das aber auf Dauer nicht genügen konnte beschloss ich noch etwas Geld in die Hand zu nehmen. Mit SD2IEC lassen sich C64 Spiele als Images von einer SD-Karte starten. Diese kleinen Geräte gibt es sowohl für den Einbau ins 64er-Gehäuse als auch als nackte Platine oder gepresst in unterschiedlichste externe Gehäuse. Es fühlt sich zwar ein bisschen wie cheaten an aber wenn man möchte kann man die Spiele damit wieder auf Disketten (sofern man welche findet) überspielen und sich so das richtige Retro-Feeling zurückholen.

VC1541 und SD2IEC

Als mit dem Quickshot II auch noch ein passender Joystick gefunden war, stand dem Vergnügen nichts mehr im Weg. Also nichts außer 2 defekten Disketten und einer Joystick-Mechanik die nach Reinigung schrie.

LOAD“*“,8,1 – Den damals allgemein bekannte Befehl hatte ich relativ schnell in die Tastatur mit dem gewöhnungsbedürftigen Layout gehackt. Dies löste ein Summen und Rattern in der 1541 aus und nach einer gefühlten Ewigkeit flackerte ein bunter Pixelhaufen auf dem Bildschirm und 8-Bit Musik dudelte aus dem Lautsprecher. Ich war im Himmel und sofort 30 Jahre jünger. Und auch wenn die Grafik deutlich schlechter aussah als man sie in Erinnerung hatte und man bei manchen Ladezeiten erst mal nen Tee kochen (oder wahlweise endlich Frieden im Nahen Osten herbeiführen) konnte, entschädigte mich das nostalgische Gefühl beim Anblick von Elite Gold, Pirates oder Zak McCracken für alle vorangegangen Mühen. Und wer noch nie ein komplettes Listing aus einer alten 64er abgetippt hat weiß ohnehin nicht was Leiden ist.

Ob ich das wieder machen würde? Klar… und ich werde!*

*öffnet eBay und tippt Amiga 500 ein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s